Zeppelin Museum
Erforschung der Provenienzen der nach 1945 erworbenen Bestände der Kunstsammlung


Neben der Sammlung zur Geschichte der Luftschifffahrt verfügt das Zeppelin Museum Friedrichshafen als Zweispartenhaus für Technik und Kunst auch über die städtische Kunstsammlung mit Werken vom Mittelalter über den Barock bis zur Gegenwart, die es in wechselnden Ausstellungen präsentiert.

Die Herkunftsgeschichte der Kunstsammlung war noch bis vor kurzem weitestgehend unerforscht. Die Ankäufe zum Aufbau der Sammlung des ehemaligen Städtischen Bodenseemuseums, des heutigen Zeppelin Museums, erfolgten in den 1950er und 1960er Jahren überwiegend über den Kunsthandel und Auktionen. Erste Recherchen 2014/15 ergaben einen systematischen Forschungsbedarf und begründeten im Herbst 2015 einen Förderantrag bei der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg.

Mit der Förderzusage konnte eine Stelle für eine wissenschaftliche Mitarbeiterin geschaffen und das Forschungsprojekt zum 1. August 2016 begonnen werden.

Im ersten Projektjahr wurden die Provenienzen von 100 Gemälden, Skulpturen und Grafiken erstmalig geprüft, mit dem Ergebnis, dass bisher lediglich 30% der Objekte als unbedenklich einzustufen sind. 70% der Werke weisen Provenienzlücken für die Zeit zwischen 1933 -1945 auf und müssen weiter erforscht werden. Ein NS-verfolgungsbedingter Entzug kann bei diesen Fällen nicht ausgeschlossen werden, da es sich hierbei um Ankäufe über den Kunsthändler Dr. Benno Griebert (Konstanz, Meersburg, München, Rom), sowie dem Kunstversteigerungshaus Weinmüller (München) handelt. Diese und einige weitere Kunsthändler waren nicht nur nachweislich in den NS-Kunsthandel involviert, sie pflegten ihre Netzwerke und Kontakte auch nach 1945 weiter und verkauften Werke aus potentiell fragwürdiger Herkunft.
Neben der Überprüfung der Werke und der Vertiefung der Kenntnisse über die Geschichte der Sammlung soll das Projekt auch einen Beitrag leisten, die Geschichte und Kontinuitäten einzelner Personen und Netzwerke des Kunsthandels nach 1945 zu erforschen.

Als eines der ersten Museen widmet sich das Zeppelin Museums dezidiert den Besonderheiten, Herausforderungen und Problemen der Provenienzforschung ab der Nachkriegszeit. Die eher dünne Quellenlage zur Tätigkeit dieser Kunsthändler nach 1945 und die weitgehende Unkenntnis ihrer Bezugsquellen erschwert die Klärung der Objektherkunft und damit auch die Identifizierung von zu Unrecht entzogenen Stücken aus ehemaligem jüdischen Besitz. Mehrere Kunstwerke waren offenbar von Verlagerungen und Verschleppungen in den letzten Kriegsjahren betroffen, weshalb diesen Themen gerade für die unmittelbar nach 1945 erfolgten Ankäufe besondere Aufmerksamkeit zukommen soll.

Dank einer erneuten Förderung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste kann das Projekt um ein weiteres Jahr bis zum 31.7.2018 verlängert und die Forschungsarbeit nahtlos fortgeführt werden. Es gilt nun, die erkannten Provenienzlücken bei 70% der erstmalig überprüften Kunstwerke möglichst zu schließen. Zudem sollen die Provenienzen der restlichen bis ins Jahr 2000 aus dem deutschen, österreichischen und Schweizer Kunsthandel angekauften Bestände geklärt werden. Nach dem anfänglichen Fokus auf gotische und barocke Skulptur und Malerei verschob sich das Sammlungsspektrum des Bodenseemuseums spätestens in den 1980er Jahren hin zu Vertretern der klassischen Moderne wie Otto Dix, Max Ackermann oder Hans Purrmann. Stichproben verweisen bereits darauf, dass hier mitunter nur eine zeitliche Verschleppung problematischer bzw. konkret verdächtiger Erwerbungen stattfand, die Prüfung dieser Provenienzen mithin alles andere als nachrangig ist. Betroffen sind ca. 100 Gemälde, 34 Plastiken und 40 hochwertige Handzeichnungen. Damit wäre der gesamte, vor 1945 entstandene Kunstbestand des Museums vollständig auf seine Provenienz hin geprüft.

Das Zeppelin Museum sieht in der Klärung der Herkunft der Sammlungsbestände eine wichtige Aufgabe und Verpflichtung und setzt damit die „Washingtoner Prinzipien“ von 1998 und die „Gemeinsame Erklärung“ der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände von 1999 um.

Erklärtes Ziel ist es, NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut aufzuspüren und an rechtmäßige Eigentümer zurückzugeben. Transparenz und Vermittlung der Forschungsarbeiten sind dem Museum ein zentrales Anliegen. Alle potentiell verdächtigen Werke werden als Fundmeldung in die Datenbank „LostArt“ eingestellt. Im Frühjahr 2018 werden die Forschungsergebnisse in der Sonderausstellung „Eigentum verpflichtet – Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“ präsentiert. Eine wissenschaftliche Publikation ist in Vorbereitung.


Mehr Informationen
Deutsches Zentrum Kulturgutverluste


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