Zeppelin Museum
Karl Hájek Kunze (1898-1949) - Maler einer verlorenen Generation


Dank großzügiger Schenkungen der Erben von Karl Hájek Kunze und Dauerleihgaben verfügt das Zeppelin Museum mit 34 Grafiken und 28 Gemälden über den größten Werkbestand des Künstlers in musealer Trägerschaft. Auch wenn man Hájek Kunze heute hauptsächlich als Werbegrafiker und Gestalter kennt, der in den 1930er und 1940er Jahren unter anderem für die Firma Dornier und die Stadt Friedrichshafen gearbeitet hat, so zeigt er sich heute ebenfalls als begabter und vielseitiger Maler und Zeichner.

Biographisches

Der 1898 in Arnsberg a. d. Ruhr als Karl Johannes Wilhelm Kunze geborene Künstler verbrachte seine ersten Schuljahre in Tarnowitz, Oberschlesien. Ab 1908 lebte die Familie in Hameln. Dort wurde er nach dem Notabitur 1916 als Infanterist ausgebildet. Im Ersten Weltkrieg kam er im Flandernbogen zum Einsatz und geriet 1918 in französische Gefangenschaft. Im Lager La Courtine (Creuze) entdeckte er seine künstlerische Begabung und fertigte Porträts von den französischen Soldaten an. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft begann er 1920 zunächst ein Architekturstudium in Hannover, zog aber bald darauf nach Berlin. Ab 1921 studierte er an der Akademischen Hochschule für bildende Künste Historische Malerei und belegte gleichzeitig Kurse in Glasmalerei an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums. Sein Atelier teilte er mit seinem Freund Heinz Hájek-Halke und dessen Mutter, Rose Schwabe, geb. Hájek, mit der er in Freundschaft bis zu ihrem Tod 1937 zusammenlebte. Aus dem Gefühl tiefer Verbundenheit heraus nahm er 1924 den Künstlernamen Hájek Kunze an und gründete seine eigene Werbe- und Presseagentur. 1934 zog er mit seiner Agentur nach Kressbronn an den Bodensee. Während Hájek Kunze die künstlerische Arbeit nur noch selten fortführen konnte, arbeitete er umso mehr in der Werbung, speziell für die Firma Dornier. Er heiratete 1940 Agathe Schairer, mit der er zwei Töchter bekam. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Soldat der Wehrmacht in Frankreich und Russland eingesetzt, bevor er 1945 im Munsterlager interniert wurde. In Folge einer tiefen Depression nahm er sich in Hameln 1949 das Leben.

Künstlerisches Schaffen

Sein Werk besteht überwiegend aus Zeichnungen, Gouachen und Drucken. Der Malerei widmete er sich vor allem in den frühen Jahren. Mit dem Porträt „Zuckerwarenfabrikant R. Hagen“ schuf er bereits 1923 sein letztes großformatiges Ölgemälde. In dieser Darstellung eines Fabrikanten, der mit beiden Beinen selbstbewusst auf unsicherem Boden steht, zeigt sich einerseits die Auseinandersetzung Hajek Kunzes mit dem Expressionismus. In der Kälte der Darstellung kündigt sich andererseits die Neue Sachlichkeit an. Er kombinierte die beiden Stile zu einem ungewöhnlich freien und eigenständigen Porträt, das nicht zuletzt durch eine feine psychologische Inszenierung des Fabrikanten überzeugt.
Die Zeichnungen und Drucke weisen eine ganz klare expressionistische Handschrift auf. Die Holzschnitte „Beim Kartenspielen“ (1922), als auch für „Selbstbildnis“ aus demselben Jahr zeigen seine Beschäftigung mit dem Expressionismus und sein anhaltendes Interesse am psychologischen Porträt.

Neben Porträts, wie zum Beispiel das „Große Selbstbildnis“ (o.J.) und Landschaftsbildern des Bodenseeraums gilt seine Aufmerksamkeit vor allem der Darstellung des Pierrots. Ähnlich wie Picassos Harlekin wandelte Kunze die Figur des Pierrot, die klassischerweise zwischen Dandytum und Bürgerschreck changierte und den armen Komödianten als Außenseiter der Gesellschaft darstellte, in eine Maske seines eigenen Selbst. Als alter ego kaschierten die Pierrots seine eigene Traurigkeit mit Hilfe einer bunten Maske. „Pierrot mit Strauß“ und „Pierrot“ zeigen sein anhaltendes Interesse an der chiffrierten Darstellung seiner eigenen Lebenswirklichkeit und darüber hinaus sein Interesse an literarischen Themen und Figuren.

Die dem Zeppelin Museum vorliegenden Arbeiten belegen das große künstlerische Potenzial des Malers, dessen freie Entfaltung zum selbstbewussten Künstler aufgrund der harten Kriegs- und Zwischenkriegsjahre, der finanziellen Not und persönlicher Entscheidungen leider unmöglich wurde. Hájek Kunzes künstlerisches Werk macht ihn zu einem typischen Vertreter einer verlorenen Generation, deren künstlerische Entwicklung zwischen den beiden Weltkriegen stattgefunden hat.


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