Zeppelin Museum
Mittelalter


Der süddeutsche Raum, mit den Regionen Oberrhein, Schwaben, Franken und Bayern, erlebte zwischen 1475 und 1525 eine Blüte der spätgotischen Altarmalerei und Bildschnitzerei. Zahlreiche Werkstätten exportierten ihre Werke bis nach Italien. Aus diesem Grund hat die Sammlung des Zeppelin Museums einen Schwerpunkt auf der spätmittelalterlichen Kunst der Region.

Berühmte Meister
Hans Multscher, um 1400 in Reichenhofen im Allgäu geboren und um 1467 in Ulm gestorben, zählt zu den bedeutendsten Bildschnitzern seiner Generation. Seine Werkstatt brachte ein Vierteljahrhundert lang die besten Werke dieser Zeit hervor, dazu gehörten neben Skulpturen in Stein und Holz auch Gemälde. Multscher verband eine genauere Wiedergabe des Körpers, seiner Haltung und die Auswirkungen auf den Faltenwurf des Gewandes mit einer expressiven Gestaltung des Gesichtsausdrucks. Berühmt wurde er vor allem mit der lebensnahen Darstellung des Schmerzensmanns am Hauptportal des Ulmer Münsters, der 1429 entstanden ist.
Das Zeppelin Museum besitzt ein ausdrucksstarkes Kruzifix aus der Zeit um 1450, das dem Umkreis von Hans Multscher zugeschrieben wird. Es handelt sich bei dieser Skulptur um eine jüngere Entdeckung, da sich das Werk über 150 Jahre lang, bis 1991, in einer offenen Wegkapelle aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Roggenhausen befand – und unter zahlreichen Farb- und Tapetenschichten unerkannt blieb. Auch bei diesem Werk kann man das Streben nach einer realitätsnahen Gestaltung erkennen. Besonders hervorzuheben ist die lebendige Wiedergabe der Hände und Füße, die faltigen Knie und das Hervortreten der Rippen. Das Gesicht mit der spiralförmigen Dornenkrone, der langen Nase und den geraden Augenbrauen ähnelt dem des Schmerzensmanns am Ulmer Münster.

Ivo Strigel, 1430 in Memmingen geboren und dort 1516 gestorben, ist ein weiterer bekannter Bildschnitzer, der einer Memminger Künstlerfamilie entstammte. Die Strigel-Werkstatt war bereits in der damaligen Zeit sehr erfolgreich und produzierte für Auftraggeber weit über die Region hinaus. Von ihm besitzt das Zeppelin Museum zwei Altarflügel aus dem Jahr 1486, die zum Altar der Pfarrkirche in Brigels, Graubünden, gehören. Kennzeichnend für die Skulpturen Strigels ist die feierlich repräsentative Erscheinung der Figuren. Die weiblichen Heiligen haben einen runden Kopf, eine kugelige Stirn, schwere Lider und einen puppenhaften Mund mit ausgedehnter Kinnpartie. Die männlichen Figuren versieht Strigel mit herben Gesichtszügen und weit auseinander stehenden Augen. Vor allem der schwungvolle Faltenwurf bestimmt die Dynamik der Figuren und bildet einen Kontrast zur Geschlossenheit ihres Umrisses. Auf den geschnitzten Seiten der Altarflügel sind die Heilige Emerita von Chur und der Heilige Luzius von Chur zu sehen, sowie die Heilige Agatha und Johannes der Täufer. Die gemalten Rückseiten werden Ivos Sohn Bernhard Strigel zugeschrieben. Die Flügel zeigen auf der einen Seite die Heiligen Katharina und Barbara und auf der anderen die Heiligen Eusebius und Nikolaus.

Seltene Objekte
Der Palmesel ist eine Prozessionsskulptur mit Christus, der auf einem Esel reitend nach Jerusalem einzieht. An Palmsonntag, dem Sonntag vor Ostern, wurde der auf einem Wagen stehende Palmesel in einer Prozession um die Kirche gezogen. Durch die Nutzung war die Figur starkem Verschleiß ausgesetzt. Aus der Zeit der Gotik haben sich daher nur wenige Exemplare erhalten. Eines davon befindet sich im Zeppelin Museum. Seine Entstehung wird wegen des eckig knickenden Faltenwurfs im Gewand Christi auf Ende des 15. Jahrhunderts geschätzt. Vermutlich wurde die Skulptur in Ulm geschnitzt. Im 19. Jahrhundert wurden der Wagen und die Beine des Esels erneuert. Früher war die Skulptur farbig gefasst. Heute haben sich davon nur noch wenige Reste erhalten, etwa in den Gewandfalten oder unter dem Kinn der Christusfigur.

Christus am Bodensee
Zahlreiche Künstler, die während des späten Mittelalters am Bodensee arbeiteten, verlegten die biblischen Szenen in eine Landschaft, die der am Bodensee ähnlich ist. So etwa der anonyme Meister der um 1460 entstandenen Altarflügel mit den Darstellungen der Verkündigung an Maria und der Berufung von Simon Petrus und Andreas zu Jüngern Christi. Christus steht am Ufer des Sees und ruft die beiden Fischer-Brüder mit den Worten zu sich: „Ich werde Euch zu Menschenfischern machen“. Für diese Berufungsszene wählte der anonyme Meister den Bodensee mit den Hegauer Bergen als Kulisse.
Caspar Härtli war ein in St. Gallen tätiger Buch- und Tafelmaler. Von ihm besitzt das Zeppelin Museum eine Kreuzigung Christi, die wohl Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden ist. Die Kreuzigungsszene mit Christus, dessen Blut von drei Engeln aufgefangen wird, den beiden Schächern und den Trauernden Maria und Johannes, findet ebenfalls vor einer Landschaft statt, die an die Bodensee-Region erinnert, auch wenn die Phantasiestadt mit einer im Bau befindlichen gotischen Kirche geografisch nicht zugeordnet werden kann.

Diese Werke liefern Zeugnis von der zunehmenden Verwandlung der Landschaftsdarstellungen im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert, der Abkehr von der symbolischen Weltenlandschaft und der Hinwendung zu einer realistischen Landschaftswiedergabe, wie sie sehr früh schon bei Konrad Witz zu entdecken ist.


Mehr zum Thema Kunst


Die Meister des Barock und Rokoko
Moderne
Otto Dix - Kunstsammlung Zeppelin Museum Friedrichshafen
Zeitgenössische Kunst
Grafische Sammlung
Karl Hájek Kunze (1898-1949) - Maler einer verlorenen Generation
Kunststiftung Zeppelin Museum Friedrichshafen e.V.
Kunstsammlung
Erforschung der Provenienzen der nach 1945 erworbenen Bestände der Kunstsammlung