Anlässlich des 130. Geburtstags von Max Ackermann (1887–1975), der als bedeutender Wegbereiter der abstrakten Malerei gilt, widmet das Zeppelin Museum dem Künstler eine große Ausstellung. 130 Werke geben einen umfassenden Einblick in das vielfältige Schaffen.

„Ich kann alle Stile“ stellt Max Ackermann in den 1960er Jahren rückblickend und ohne jeden Selbstzweifel fest. Das Werk des Künstlers ist überraschend divers und spannt sich vom Jugendstil über die Neue Sachlichkeit bis hin zur abstrakten Malerei. Es zeigt einen Künstler, der stets auf der Suche war: nach Motiven und vor allem nach möglichen Stilen. Dieser Stilpluralismus zieht sich durch sein ganzes Werk, so arbeitete Ackermann gleichzeitig abstrakt und gegenständlich. Erst im Spätwerk widmet er sich ausschließlich der Abstraktion.

Die Rolle des immer Suchenden bestimmt sein ganzes Leben. Geboren in Berlin, beginnt er zunächst ein Studium in Weimar bei Henry van de Velde, bis er dieses 1907 abbricht. Dann zieht er weiter nach Dresden in die Zeichenklasse von Richard Müller. 1909 wechselt er nach München in die Malklasse von Franz von Stuck, um dann nach Zwischenstationen in Frankfurt am Main und Ilmenau 1911 nach Stuttgart zu gelangen, wo er sich dem Kreis um Adolf Hölzel anschließt, der ihn nachhaltig beeinflusst.

ohne Titel (Reigen), 1908 – 1910, Graphitstift auf Papier, 19,1 x 18,3
Der Motivsucher, 1917,Bleistift auf Pergamin, 32 x 25 cm
Ohne Titel (Querflötenspieler), 1937, Graphitstift auf Pergamin, 39 x 28 cm
ohne Titel (Männerbildnis), 1929, Kaltnadelradierung, 84 x 39 cm
ohne Titel (Neubau des Stuttgartes Bahnhofes), 1928, Kaltnadelradierung, Aquatinta, 78 x 36 cm
Bodenseeufer, 1942, Öl auf Pressplatte, 52 x 71 cm
Figuren am Strand, 1938, Pastell auf Papier, 17 x 26 cm
Abstrakte Komposition, 1943, Öl auf Pressplatte, 20 x 22 cm
ohne Titel (Centrale auf Schwarz), 1955, Farbserigraphie, 70 x 60 cm
ohne Titel, 1948, Lithographie, 40 x 30.5 cm
ohne Titel, 1960er Jahre, Seriegraphie, 34 x 14 cm

Max Ackermann,
ein Jugendstil-
künstler?
Das Frühwerk

Das Frühwerk von Max Ackermann ist besonders durch den Jugendstil und die Arbeiten von Hans von Marées beeinflusst. Es zeigt aber auch erste Versuche, jenseits der Gegenständlichkeit die Abstraktion als Darstellungsform zu etablieren.

Der 17-Jährige Porzellan-Modelleur-Lehrling Max Ackermann in der Büstensammlung der Großherzoglichen Gewerbeschule, Bad Ilmenau, o. D. (Anfang 1905)
Ackermann setzt sich mit alternativen bzw. spirituellen Lebensformen auseinander, die sozialreformerische Ideen entwickeln. So schließt er sich 1914 der Wandervogel-Bewegung an, die in der Natur nach alternativen Lebensentwürfen zu den gesellschaftlichen Zwängen der Kaiserzeit suchten. Gemeinsames Wandern, Tanz und Gesang ermöglichten ein neues Gemeinschaftsgefühl. So sind Tanz- bzw. Reigenszenen ein wiederkehrendes Motiv im Frühwerk.
Kauerndes Paar, 1914, Rötel auf Papier, 16 x 24 cm
+Mit dem ›Gottsucher‹ (1915) eignet sich Max Ackermann bereits früh das Motiv der aufstrebenden Bildthemen an, das sich in den Sportlerfiguren und überlängten Formaten der 1920er Jahre und später in den Hymnen und Türmen der 1950er Jahre fortsetzt. Der ›Gottsucher‹ kann dabei durchaus autobiografisch gedeutet werden, in dem sich Ackermann als aufstrebender Künstler präsentiert. So schreibt er 1961 in einem Tagebucheintrag: »Erhabenes können nur Menschen mit erhabenem Geist und erhöhter Lebensführung gestalten.«
Gottsucher, um 1915, Kohle auf Pergamin, 39 x 23 cm
Jugendbewegtes, 1915 – 1917, Bleistift, Graphitstift, Deckweiß auf Pergamin, 30 x 24 cm

Max Ackermann,
ein politscher
Künstler?
Die 1920er Jahre:
Sozialkritik und
neue Formate

Der Erste Weltkrieg ist formal und inhaltlich ein Einschnitt im Werk von Ackermann. Er widmet sich künstlerisch verstärkt den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen der Zeit und sympathisiert mit kommunistisch-anarchistischen Gruppierungen. Es entstehen zahlreiche neusachlich geprägte Werke, die durch sozialkritische Themen und Milieustudien geprägt sind.

+Auch das Porträt ist wichtiger Bestandteil der Werke dieser Jahre: Charakterköpfe und überlängte Gliedmaßen, die die Vertikale betonen, erzeugen einen unmittelbaren Blick auf die Dargestellten. Besonders auffällig ist in dieser Zeit das extreme Hochformat, das er für viele seiner Werke wählt.
Prostituierte, 1923, Kaltnadelradierung, 78 x 53 cm
+Immer wieder widmet sich Ackermann dem urbanen Leben der 1920er Jahre. Er skizziert Metropolen wie Stuttgart oder Paris und hält Kaffeehaus-, Straßen-, Bordell- und Parkszenen fest. Wiederkehrendes Motiv ist dabei die Litfaßsäule, die in den verschiedensten Werken auftaucht.
Deutschland, 1927, Öl und Tempera auf Leinwand, 96 x 62,5 cm
Rückblickend betont Ackermann 1971 seine Politisierung: »Meinem ›Beruf‹ wollte ich einen Sinn geben. Helfen durch Farbe und Zeichnung? Ja, ich war töricht genug, zu glauben, dass man den Menschen helfen könnte.«
+Max Ackermann war in der Bruderschaft der Vagabunden aktiv und hält 1929 das Vagabundentreffen in Stuttgart fest. Auf der Radierung sind zentrale ProtagonistInnen der Bewegung zu erkennen: der vagabundierende Studienrat a.D. Karl Roltsch sowie die Schriftstellerin Anni Geiger-Gog und Gregor Gog, der die Bruderschaft der Vagabunden gegründet hatte. Ackermann hat auch ein Porträt von sich am rechten Rand eingefügt. Als einzige Person ist sein Kopf jedoch nicht vollständig zu sehen. Unentschlossen, keine eindeutige Position einnehmend, befindet er sich nicht nur bildlich am Rand der Gruppe.
ohne Titel (Männliche Porträts), Kaltnadelradierung, 53 x 39 cm
Gruppenfoto bei der Eröffnung der Vagabunden-Ausstellung im Kunsthaus Herlinger, Stuttgart 1929
Radio, 1924, Kaltnadelradierung, Aquatinta, 76 x 54 cm

Max Ackermann,
ein Künstler der
Inneren Emigration?
Die 1930er
und 1940er Jahre
am Bodensee

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, erhält Ackermann Ausstellungsverbot und 1937 werden Werke, die die Staatsgalerie von ihm erworben hatte, als »entartet« beschlagnahmt. Er zieht sich an den Bodensee zurück und hält den See, die Landschaft, das Strandleben und seine BewohnerInnen in idyllischen Szenen fest. Diese künstlerische Entscheidung kann als Rückzug auf unverdächtige Motive gedeutet werden.

+1938 schafft Ackermann zahlreiche Werke, die sich verstärkt mit der Linie als zeichnerischem Mittel auseinandersetzen und an kalligraphische Zeichen erinnern.
Namenlose Zeichen, 1938, Öl auf Leinwand, 100,5 x 80,5 cm
Konstant setzt sich der Stilpluralismus von Abstraktion und Gegenständlichkeit fort. Naturalistisch, gegenständlich gehaltene Werke stehen abstrahierten Darstellungen gegenüber, aller nationalsozialistischen Kunstdoktrin zum Trotz.
+Im Gegensatz zu anderen KünstlerInnen ist bei Ackermann der Rückzug an den Bodensee nur bedingt als Innere Emigration zu bezeichnen. Er arbeitet kontinuierlich weiter und verlebt produktive Jahre am See.
Fischerhaus, Insel Reichenau, 1936, Öl auf Karton, 61 x 86 cm
+Beeinflusst durch seine Frau, die Geigerin Gertrud Ostermayer, werden musikalische Symboliken zu wiederkehrenden Motiven. Notenköpfe und –schlüssel sowie Silhouetten von Instrumenten führen Ackermanns musikalische Auseinandersetzung in der Abstraktion fort.
Frau mit Geige, 1943, Bleistift auf Papier, 25 x 16 cm
Der 48-jährige Max Ackermann beim Zeichnen am Ufer des Untersees, Hornstaad, o. D. (1936)
 
Der Feuerball, 1951, Öl, Tempera auf Speerholz, 205 x 80 cm
+In welchem Jahr sich Ackermann der Abstraktion zuwandte, lässt sich nicht genau rekonstruieren, da er einzelne Werke vordatiert hat und zahlreiche frühe Werke während des Zweiten Weltkriegs in seinem Atelier zerstört wurden. Die Zeichnung ›Abstraktes‹ ist von Ackermann nachträglich auf das Jahr 1919 datiert wurden, es handelt sich aber um eine Vorstudie zu dem Gemälde Feuerball, das 1951 entstanden ist.
Abstraktes, 1919, Bleistift, Farbstift auf Karton, 22 x 10 cm

Max Ackermann,
ein abstrakter Maler?
Das Spätwerk

Ackermann arbeitet bis weit in die 1940er Jahre ungegenständlich und figürlich. Erst ab den 1950er Jahren widmet er sich nur noch der Abstraktion. Mit den ›Überbrückten Kontinenten‹ und den Kompositionen in Blau wird Ackermann als abstrakter Maler bekannt. Trotz eines Stilpluralismus sind sie bis heute sein »Markenzeichen«.

Hymne, 1955, Öl und Tempera auf Sperrholz, 210 x 70 cm
Der Drache Ladon, 1973, Farbserigraphie, 70 x 50 cm
An den Ufern des Eridanos, 1973, Farbserigraphie, 70 × 50 cm
Überbrückte Kontinente XXI, 1952, Öl auf Leinwand, 120 x 80,5 cm
Rote Brücke, 1952, Farbserigraphie, 70 x 58 cm
ohne Titel (Strahlende Pforte), 1956, Farbserigraphie, 50 x 38 cm
ohne Titel (Nocturno), 1958, Farbserigraphie, 50 x 70 cm

Biographie
Max Ackermann

  1. Am 5. Oktober wird Max Arthur Ackermann in Berlin geboren.
  2. Die Familie verlässt Berlin und Ackermann wächst im thüringischen Ilmenau auf.
  3. Ackermann beginnt eine Lehre als Porzellanmodelleur in einer Illmenauer Porzellanmanufaktur.
  4. Er geht mit einem Stipendium nach Weimar, wo er am Kunstgewerblichen Seminar Schüler bei Henry van de Velde wird.
  5. Von Weimar wechselt Ackermann an die Königlich Sächsische Kunstakademie Dresden. Hier ist er Schüler in der Zeichenklasse Richard Müllers.
  6. Von Weimar wechselt Ackermann an die Königlich Sächsische Kunstakademie Dresden. Hier ist er Schüler in der Zeichenklasse Richard Müllers.
  7. Ackermann wechselt an die Königlich-Bayerische Akademie der Bildenden Künste nach München in die Malklasse von Franz von Stuck.
  8. Ackermann zieht nach Stuttgart und studiert bei Richard Pötzelberger.
  9. Ackermann schließt sich dem Kreis um Adolf Hölzel an. Schüler in dessen Klasse wird er jedoch nie.
  10. Durch seinen Bruder kommt Ackermann in Kontakt mit der Wandervogel-Bewegung, der er sich bis Anfang der 1920er Jahre anschließt.
  11. Ackermann wird zum Ersten Weltkrieg eingezogen, aber nach einem längeren Lazarettaufenthalt 1917 als dienst untauglich entlassen.
  12. Im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart hat Ackermann seine erste Einzelausstellung.
  13. Ackermann reist für einige Wochen nach Paris. Dort trifft er u. a. Adolf Loos und Piet Mondrian.
  14. Ackermann beginnt für das Stuttgarter Tagblatt Sportzeichnungen anzufertigen.
  15. Das Stuttgarter Kunsthaus Schaller zeigt im Frühjahr die Ausstellung George Grosz, Wassily Kandinsky, Max Ackermann. Bei einem Vortrag lernt Ackermann Kandinsky auch persönlich kennen.
  16. Zu Pfingsten findet in Stuttgart ein Vagabundenkongress statt, mit dem sich Ackermann solidarisiert. Er veröffentlicht in der Vagabunden-Zeitschrift Der Kunde und illustriert den Roman von Anni Geiger-Gog: Heini Jermann, der Lebenstag eines Jungen.
  17. Ackermann gründet an der Stuttgarter Volkshochschule ein Seminar für »Absolute Malerei«. Den Sommer und Herbst verbringt er im Tessin, in Ascona und auf dem Monte Verità.
  18. Seit 1928 unternimmt er Reisen an den Bodensee und lernt dort 1932 die Geigerin und Gymnastiklehrerin Gertrud Ostermayer kennen.
  19. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, muss der Direktor der Kunsthalle Mannheim die geplante Ackermann-Ausstellung absagen. Gertrud Ostermayer richtet ein Ferienheim am Bodensee ein und Ackermann gibt dort Kunstkurse.
  20. Ackermann erhält in Stuttgart Lehrverbot für seine Volkshochschulkurse. Am 20. Juni heiraten Max Ackermann und Gertrud Ostermayer und ziehen noch im gleichen Jahr nach Hornstaad.
  21. Die Nationalsozialisten entfernen mehrere Werke von Ackermann aus der Württembergischen Staatsgalerie.
  22. Bei einem Luftangriff auf Stuttgart treffen Bomben Ackermanns Atelier und viele frühe Arbeiten verbrennen.
  23. Willi Baumeister kommt nach Hornstaad und lebt in den letzten Kriegswochen bei Ackermanns.
  24. Während einer Ausstellung in der Studiogalerie der Universität Tübingen werden bei einem Attentat drei abstrakte Bilder Ackermanns mit einem Messer beschädigt.
  25. Zum 70. Geburtstag verleiht ihm das Land Baden-Württemberg den Professorentitel ehrenhalber. Ackermann gibt Hornstaad endgültig auf, weil er sich dort isoliert fühlt. Im gleichen Jahr wird die Ehe mit Gertrud Ostermayer geschieden und Ackermann zieht ins Stuttgarter Haus seines Bruders Hans.
  26. Im Frühling ist er Ehrengast der Villa Massimo in Rom.
  27. Ackermann heiratet nach einem Schlaganfall Johanna Strathomeyer und adoptiert ihren schon erwachsenen Sohn Peter.
  28. Am 14. November stirbt Max Ackermann in Unterlengenhardt.

»Ich bin der letzte einer ausklingenden Epoche. Weil viele zu früh starben, muß ich auf dem letzten Platz stehen, ich bin der Letzte.

Ich bin übriggeblieben und will alles tun, um meine Verpflichtung zu erkennen […]

Ich muss der Kunst voller Würde ein Finale setzen.«

M. A., Tagebuch, 1964

Kapitelbilder

Frühwerk
Tanz, 1920, Kaltnadelradierung, 40 x 38 cm

Die 1920er Jahre
ohne Titel (Männerporträt (Arthur David Löwenthal?)), 1925, Kaltnadelradierung, 54 x 39 cm

Die 1930er 40er Jahre
Figuren am Strand, 1939, Pastell auf Papier, 26 x 16 cm

Das Spätwerk
ohne Titel (Centrale auf Schwarz), 1955, Farbserigraphie, 70 x 60 cm

Biographie
Komposition, 1951, Holzschnitt, 47×35 cm
Bildnachweis:
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Max Ackermann Archiv, Bietigheim Bissingen