Auf Papier
Beckmann - Dix - Hubbuch
27. Oktober - 14. Januar 2007

Wechselausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen vom 27. Oktober 2006 bis 14. Januar 2007


Wie wirkt sich das Erlebnis des Ersten Weltkrieges auf drei Künstler des 20. Jahrhunderts, ihre Sicht auf die Wirklichkeit und ihre Werke in der Zeit der Neuen Sachlichkeit aus? Und lässt sich dieses schon in den vor 1914 entstandenen Werken erahnen, wie in denen des Spätwerkes noch spüren? Diesen Fragen geht die aktuelle Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen nach, in der erstmals die Werke dieser drei für die deutsche Kunstgeschichte wichtigen Künstler gegenübergestellt werden.


Bei allen drei Künstlern – Max Beckmann, Otto Dix und Karl Hubbuch - handelt es sich im weitesten Sinn um Vertreter einer sachlich-realistischen Kunst der 20er Jahre, wobei jeder für sich für einen besonderen Aspekt steht. Gleichzeitig decken Beckmann, Dix und Hubbuch in der Summe ihrer künstlerischen Herkunft das Spektrum der Hauptkunstrichtungen im wilhelminischen Vorkriegs-Deutschland ab: Impressionismus, Symbolismus, Expressionismus, Kubo-Futurismus und Naturalismus.

In ihren Nachkriegs-Werken ab ca. 1920 aber können sie für die Wiederentdeckung der Gegenstandsschilderung stehen. Aber jeder dieser drei nähert sich der wieder zu gewinnenden Realität auf andere Weise, erkennt die Realität unter einem anderen Blickwinkel.
Die Ausstellung will darüber Aufschluss geben, inwieweit die persönlichen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges vor dem Hintergrund der jeweiligen künstlerischen und philosophischen Grundhaltung aus der Zeit von vor 1914 zu einer veränderten Sicht auf die Wirklichkeit nach 1918 führte. Um diese Frage illustrieren, d. h. mit den Mitteln einer Ausstellung diskutieren zu können, ist von jedem der drei eine Werkübersicht vom Früh- bis zum Spätwerk zusammengestellt. Nur so lässt sich eine Antwort finden und die Grenzlinien zwischen den Œuvres von Beckmann, Dix und Hubbuch ziehen.

Max Beckmann ist der Künstler, der noch ganz in der Welt der Kunst lebt, d.h. in seinen Werken einen abbildenden Realismus ablehnt. Seine Bilder sind allegorische Darstellungen einer sehr sensibel empfundenen Wirklichkeit. Im Krieg nun musste Beckmann die Erfahrung machen, dass ihn die Allegorien eingeholt hatten, die als Motive sein Frühwerk bestimmt hatten. Hatte er damals mit Todes- und Untergangs-Motiven Sinnbilder der Gesellschaft schaffen wollen, hatte ihn der Krieg gelehrt, dass Chaos und Untergang keine Allegorie mehr waren, sondern zu seiner Realität geworden waren. In der Folge dieses Ausgeliefertsein konzentrierte sich Beckmann in seiner Kunst auf der einen Seite immer mehr auf die eigene Person, also ihre psychische Verortung innerhalb des Beziehungsgeflechtes zwischen ihm und durch die Umwelt freigesetzten Emotionen und Gedanken. Auf der anderen Seite zieht er sich bei diesem Prozess in immer stärkerem Maße in die Welt seiner Bilder zurück, um sich so von der auf ihn eindringenden Realität zu emanzipieren.

Anders Otto Dix. Angetrieben von den Idealen Nietzscheanischer Prägung folgte er dem Ruf in die Schützengräben, um diesen Idealen zum Sieg zu verhelfen. Entsprechend zahlreich sind auch die Darstellungen des Krieges, die immer wieder seine Begeisterung an der zerstörerischen Gewalt zum Ausdruck bringen. Der leidende Mensch, das Generalthema in Beckmanns Kriegsdarstellungen, findet sich bei ihm gar nicht. Als sich jedoch ab 1920 / 1921 immer klarer herausstellte, dass aller Einsatz vergebens war und keines der revolutionären Ziele verwirklicht werden konnte, schlug Dix‘ Haltung in Enttäuschung und Verachtung um. Nun kämpfte er nicht mehr gegen das Alte für etwas Neues, weil es in seinen Augen nichts mehr gab, wofür es sich lohnte, zu kämpfen. In diesem Kontext ist auch die Kriegs-Mappe zu sehen, die ohne jede politische Tendenz zeigt, wie es auf den Schlachtfeldern gewesen war. Dix scheint von nun an nur mehr das Schlechte und Abstoßende sehen und darstellen zu können. Aber es waren keine politisch tendenziösen Darstellungen, sondern seine in altmeisterlicher Neutralität gehaltenen Darstellungen fungierten als Spiegel, die er einer Gesellschaft vorhielt, ohne sich urteilend oder belehrend äußern zu wollen.

Die Erfahrungen, die Karl Hubbuch in den Jahren 1914 bis 1918 machen musste, haben bei ihm zweierlei bewirkt. Zum einen fühlte er sich von da an berufen, sich mit seiner Kunst aktiv für die Völkerverständigung einzusetzen, zum anderen lehrte der Krieg gerade ihn, dem fern der Anonymität und der krassen gesellschaftlichen Gegensätze der Großstadt Aufgewachsenen, dass trotz aller Kritik, Ablehnung und vielleicht sogar Feindschaft der Kontrahent, der Mensch als Mensch zu achten sei. Gleichzeitig ist dabei anzumerken, dass im Gegensatz zu Beckmann und Dix der Krieg für ihn praktisch kein Motiv ist. Es gibt aus dieser Zeit nur eine geringe Anzahl von Darstellungen auf Postkarten, die allerdings nur äußerst selten direkt kriegerische Handlungen zum Inhalt haben. Nicht die Vernichtung des Andersdenkenden sollte das Ziel sein, sondern dessen Überzeugung und Belehrung. Bis in sein Spätwerk sind seine Schilderungen durch eine grundsätzliche Zuneigung gegenüber seinen Mitmenschen gekennzeichnet. Nie erreichte er in seinen Zeichnungen die politische Schärfe eines Georg Grosz oder Rudolf Schlichter, die ein verletzendes Sezieren zur Voraussetzung hatten.