Johann Heiß
Schwäbischer Meister barocker Pracht
18. Oktober - 09. Februar 2003

Seit der Ausstellung im Jahr 1967 im Ulmer Museum gilt Schönfeld als der süddeutsche Barockmaler. Der Übervater warf einen langen Schatten auf seine zahlreichen Malerkollegen, unter denen jedoch Johann Heiß, dessen Werke schon zu Lebzeiten von Sammlern in ganz Europa gesucht waren, eine herausragende Position einnimmt. Vor diesem Hintergrund betrachtet, war eine erste Retrospektive schon lange überfällig.

Laut dem bisherigen Forschungsstand trat der Künstler Johann Heiß zum ersten Mal 1662 mit einer Darstellung des Ecce Homo in Erscheinung. Wie sich aber während der Vorbereitung der Ausstellung herausstellte, datiert dieses Gemälde 1687. Somit müssen wir feststellen, dass wir bis heute den Künstler Heiß erst mit dem Jahr 1670 kennen lernen. In diesem Jahr stellt er den Passionszyklus für die damals neu erbaute Sakristei des Klosters Ochsenhausen fertig. Der Auftrag umfasste insgesamt sechs Gemälde, von denen eines, die Kreuzigung, seinen Platz im Sakristeialtar fand. Dieses Gemälde war aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr in Ochsenhausen, so dass die Ausstellung auch dazu geführt hat, dass nun erstmals die Gemälde vereint werden konnten.

Im Jahr 1677 verließ Heiß seine Heimatstadt, um von nun an in der Reichsstadt Augsburg zu arbeiten. Den Ausschlag dürfte hierfür in erster Linie die wirtschaftliche Prosperität Augsburgs gegeben haben. Die Stadt war Ende der 1670er Jahre nicht nur etwa viermal so groß wie Heiß’ Geburtsstadt Memmingen, sondern war zudem immer noch Fernhandels­zentrum. Hier hielten sich zahlreiche ausländische Agenten auf, die für ihre Auftraggeber auch auf dem Gebiet der bildenden Kunst tätig waren. So wurden auch die Sammler in Böhmen und Mähren auf Heiß aufmerk­sam. Die Handelstätigkeit hatte auch die Folge, dass die Augsburger Künstler immer sehr früh über neue europäische Trends unterrichtet waren. Augsburger Kunst zählte in diesen Tagen zu der mo­dernsten in ganz Deutschland.


Noch vor seiner Übersiedelung nach Augsburg schuf Heiß den Zyklus zur Geschichte vom Verlorenen Sohn. Er entstand 1676 und ist ein Beleg dafür, weshalb es als zweifelhaft gelten muss, dass Heiß seine Ausbildung nach 1677 in der Werkstatt Schönfelds abgeschlossen hätte.

Von besonderem Interesse ist für Heiß die damals neu ins Leben gerufene Akademie gewesen. In den Jahren zwischen 1670 und 1673 von Joachim von Sandrart initiiert, wurde in dieser Institution nicht nur die Basis für eine veränderte Künstlerausbildung gelegt, sondern auch das menschliche Idealbild wurde hier neu definiert. Auf den fünf in der Ausstellung versammelten sogenannten Akademie­bildern kann sehr gut abgelesen werden, in welcher Wechselwirkung die antike Skulptur und das menschliche Vorbild hier stehen: Nicht ein quasi Bericht erstatten­der Naturalismus ist das Thema der Akademiebilder, sondern die Frage danach, was Idealität sei; nicht der Lehrbetrieb wird hier illustriert, sondern ein Paradigmen­wechsel – Antike ersetzt Natur – visualisiert.
Mit der Ersetzung der Natur durch die Antike als Vorbild für den Künstler, gewinnt eine Vorstellung von menschlicher Schönheit die Oberhand, die in kaum veränderter Form bis heute gilt: die Beschreibung des Vollkommenen mit dem Bild idealer, d.h. antiker Schönheit.

Aus diesem Grund beschränkt sich die Ausstellung nicht nur darauf, in chronologischer Reihung das Werk dieses zu Unrecht vergessenen Künstlers fast lückenlos darzustellen. In einer separaten Abteilung wird gezeigt, dass die Folgen einer derartig veränderten Definition des menschlichen Idealbildes bis heute spürbar sind und so eine Verbindung zwischen dem 17. und unserem Jahrhundert herstellen. Deshalb löst sich die Ausstellung an dieser Stelle von ihrer chronologischen Ord­nung, um diesen Aspekt sowohl anhand von Werken heute aktueller Künstlerinnen und Künstler wie orlan, Pavel Schmidt, Keti Kapanadze oder Rosemarie Trockel, als auch anhand von Beispielen aktueller TV- und Print-Werbung und den bekannten Barbie- und Ken-Puppen sichtbar zu machen.



Zur Ausstellung erscheint im Verlag Robert Gessler / Friedrichshafen ein Katalog mit Aufsätzen u.a. von Helmut Gier, Peter Königfeld, Gode Krämer, Bernd Roeck, Hana Seifertová und Andreas Tacke. (176 S., rd. 60 Color- und 70 S/W-Abb.); Verkaufspreis 20,40 Euro

Die Ausstellung wurde mit der dankenswerten Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg, der Firma LTS – Licht & Leuchten Tettnang und der Kunststiftung Zeppelin Museum Friedrichshafen e.V. realisiert.