Luis Camnitzer
Patentanmeldung
05. Juli - 04. August 2002

Wer „Innovation“ sagt, denkt meist an Fortschritt. Und der gilt den meisten als gut und erstrebenswert. Doch Innovation und Fortschritt sind ein zweischneidiges Schwert. Denn die bloße technische Verbesserung kann für den Menschen fatale Folgen haben. Der international bekannte Künstler Luis Camnitzer hat sich in seiner Arbeit „Patentanmeldung“ intensiv mit dem Begriff „Innovation“ auseinandergesetzt. Die Brisanz seiner Arbeit wird ganz ohne Zweifel gerade dadurch verstärkt, daß sie im Kontext eines Museums präsentiert wird, das sich auch mit Technikgeschichte beschäftigt. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Galerie Basta ist es gelungen, die Arbeit „Patentanmeldung“ nach Friedrichshafen zu holen. Zum ersten Mal war sie 1997 auf der Kwangju Biennale in Korea zu sehen.

Am Beispiel eines 1942 eingereichten Entwurfes beim Reichspatentamt stellt Camnitzer mit „Patentanmeldung“ die Frage, was es bedeutet, wenn Technik betrieben wird, ohne daß die Folgen dieses Tuns bedacht werden. Damals hatte der bei dem Erfurter Unternehmen Topf & Söhne angestellte Ingenieur Fritz Sander beim Reichspatentamt in Berlin einen – in seinen Augen – „innovativen“ Entwurf eingereicht: Ein Krematorium, bei dem die Leichen über ein Fließband den Brennöfen zugeführt werden. Seine Erfindung sollte die bisherige „Verbrennungstechnik“ – Massenverbrennung in Gruben – effizienter gestalten.

In seiner konzentrierten Installation, die im Wesentlichen aus einem Tisch und einigen C-Prints (farbphotographisches Verfahren zur Herstellung von Aufsichtsbildern unmittelbar von Farbdiapositiven auf weißen, folienartigen Schichtträgern) besteht, legt Luis Camnitzer offen, wohin es führt, wenn Weiterentwicklung nur technischen Grundsätzen genügen muß. Wenn nur die technische Lösung eines Problems gefragt ist, dann kann auch die Effizienzsteigerung eines KZ-Krematoriums als Innovation betrachtet werden. Fritz Sander sah sein Hochleistungskrematorium als sinnvolle technische Lösung für ein drängendes Problem. Und es sollte seinem Arbeitgeber, dem Unternehmen Topf & Söhne, als Produzent dieser „Spitzentechnologie" weitere Aufträge sichern. Die Menschen interessierten Sander nicht: „Ja, seit Sommer 1943 wusste ich, dass in Auschwitz unschuldige Menschen vergast und anschließend in den Krematorien verbrannt wurden. ... Als deutscher Ingenieur und Angestellter der Firma Topf habe ich mich verpflichtet gefühlt, mein Spezialwissen für den Sieg Hitler-Deutschlands einzusetzen..."

Luis Camnitzer wurde 1937 in Deutschland geboren, musste aber 1939 mit seinen jüdischen Eltern nach Uruguay emigrieren. Seine Ausbildung erhielt er an der Hochschule der Schönen Künste an der Universität von Uruguay und an der Akademie der Bildenden Künste München. Seit 1964 lebt er in den USA und lehrt seit 1969 bis heute an dem ‚College at Old Westbury‘ der Universität New York. Sein Werk wurde im Ausland in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gewürdigt und mit vielen Preisen geehrt. Neben der Tätigkeit als bildender Künstler tritt Camnitzer auch regelmäßig als Publizist in Erscheinung.

Luis Camnitzer stellt parallel auf der Documenta11 (8. Juni - 15. September 2002) in Kassel aus.