Innovationen
(Arbeitstitel)
04. Mai - 04. November 2018

Technische Innovationen entstehen, wenn aus Ideen marktfähige Produkte werden, die auf breiter Basis wirken und Einfluss auf die Gesellschaft nehmen. Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt des Zeppelin Museums hat das Ziel, über einhundert Jahre Innovationsgeschichte der Betriebe des Zeppelin-Konzerns, seiner Vorgänger, Nebenlinien und Nachfolger exemplarisch zu untersuchen. Davon ausgehend stellt sie auch die Frage, wie sich der Innovationsstandort Friedrichshafen in der Zukunft entwickeln könnte.

Die Idee

Die Ausstellung beleuchtet die Bedeutung von Innovationen und Produkten kritisch und stellt sie in den Kontext ihrer jeweiligen historischen oder aktuellen Zusammenhänge.
Anhand ausgewählter Beispiele wird die Breite der industriellen Entwicklung Friedrichshafens bis in die Gegenwart abgebildet. Zu Wort kommen unterschiedliche Perspektiven, die der Unternehmer, Ingenieure, Manager, Arbeiter, der Anwender oder der Opfer von Technik. Dadurch wird erkennbar, dass Innovationen und Produkte nicht nur technisch, sondern auch politisch, ökonomisch und gesellschaftlich relevant waren und sind. Die historischen Kontexte werden kritisch beleuchtet, um dem Anspruch Friedrichshafens als international bedeutender Wirtschaftsstandort in einer globalisierten Welt gerecht zu werden.
Ihre vielschichtige industrielle Entwicklung hat das Erscheinungsbild der Stadt, ihre Bevölkerungsstruktur, ihr soziales Gefüge, die Mentalität und Kultur ihrer Menschen tief geprägt. Das gilt auch für die Außensicht auf Friedrichshafen, das national und international primär als Technologie- und Industriestandort wahrgenommen wird.

Das Themenspektrum: Von A wie Aerodynamik über F wie Flugzeug- und Fahrzeugbau bis Z wie Zeppelin Zeppelin als Innovationsmotor

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Graf Zeppelins Luftschiffe hochinnovative und komplexe Repräsentanten einer vielversprechenden Zukunftstechnologie. Durch sie wurde Friedrichshafen zu einem dynamischen Ort technischer Innovationen und wegweisender unternehmerischer Entscheidungen. Diese veränderten die Mobilität zu Wasser, zu Lande und in der Luft und radikalisierte die Führung von Kriegen.
Die besondere Entwicklung des Zeppelin-Konzerns ist zunächst darauf zurückzuführen, dass es Graf Zeppelin von Anfang an nicht nur um die reine Funktionstüchtigkeit seiner Luftschiffe ging, sondern dass er als erster Systemdenker der Luftfahrttechnik in sehr breiten Bahnen dachte. Innovativ waren nicht nur die technischen Lösungen, sondern auch die unternehmerische Strategie. Graf Zeppelin arbeitete von Beginn an auch an der Definition möglicher Einsatzgebiete, an der Entwicklung von Absatzmärkten und Vermarktungsstrategien und betrieb eine weitsichtige Personalpolitik. Letztere basierte auf einer Förderung von Begabungen und deren Etablierung in den einzelnen Unternehmen.
Auf der Basis der Volksspende von Echterdingen wurden 1908 die Luftschiffbau Zeppelin GmbH und die Zeppelin-Stiftung als Ausgangspunkte eines immer weiter verzweigten Technologiekonzerns gegründet.

Motoren, Getriebe, Grundlagenforschung und eine Wetterstation

Eigens gegründete Tochterunternehmen sollten maßgeschneiderte Lösungen für die vielen technischen Probleme des Luftschiffbaus finden. Unter dem Dach des Zeppelin-Konzerns wurden Motoren, Getriebe, Materialien für Gaszellen, Luftschiffhallen und vieles andere mehr entwickelt. Erstes Tochterunternehmen des Zeppelin-Konzerns war die Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH, ab 1918 Maybach-Motorenbau GmbH, die einen leichten, zuverlässigen und wartungsfreundlichen Luftschiffmotor bauen sollte. Während des Ersten Weltkriegs entstanden spezialisierte Höhenmotoren für Luftschiffe und Flugzeuge.
Bis in den Ersten Weltkrieg hinein war das Zeppelin-Luftschiff der wichtigste Impulsgeber für Leichtmetallbau, Antriebstechnik, Textiltechnik, Aerodynamik, Funktechnik und die Flugwetterkunde. Beispielsweise initiierte Graf Zeppelin zusammen mit Hugo Hergesell, einem der bedeutendsten Meteorologen seiner Zeit, den Aufbau einer Wetterstation in Friedrichshafen, die 1908 als sogenannte Drachenstation ihre Arbeit aufnahm.
Innovativ in einem sehr modernen Sinn war auch die Bündelung der Grundlagenforschung in einer eigenen Versuchsabteilung. Dort wurde Ingenieuren die Möglichkeit gegeben, an vielversprechenden technischen Lösungen zu arbeiten, deren konkrete Anwendung in marktfähigen Produkte oft noch gar nicht absehbar war. Diese Versuchsabteilung war ein früher Vorläufer heutiger Entwicklungsabteilungen der Industrie. Leiter der Abteilung war bis 1915 Graf Alfred von Soden-Fraunhofen, der erste technische Direktor der im gleichen Jahr gegründeten ZF Friedrichshafen GmbH (ab 1921 ZF Friedrichshafen AG). Das Unternehmen fertigte Zahnräder von bis dahin nicht gekannter Präzision und bis 1918 komplexe Getriebe für Luftschiffe und Flugzeuge.

Flugzeugbau

Ein Vorgänger der Versuchsabteilung, die sogenannte Abteilung Manzell, wurde bis Ende 1910 von Theodor Kober geleitet. Er gründete mit privater Unterstützung Graf Zeppelins 1912 die Flugzeugbau Friedrichshafen GmbH (FF), das erste Werk in Deutschland, das sich anfangs ausschließlich auf den Bau von Wasserflugzeugen spezialisierte. Neben den sehr hohen Stückzahlen, welche die FF bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Friedrichshafen produzierte, war die Entwicklung hochseefähiger Schwimmerflugzeuge die wesentliche Innovationsleistung dieses heute so gut wie vergessenen Unternehmens.
Die Unterstützung, die Kober beim Aufbau seines Werks von Graf Zeppelin bekam, ist einer von vielen Belegen dafür, dass der Luftschiffpionier die Entwicklungsmöglichkeiten von Flugzeugen sehr früh richtig bewertete. Seine Initiativen stehen am Anfang der Ausweitung des Zeppelin-Konzerns auf den Flugzeugbau.
Bis 1918 entstanden unter dem hohen Entwicklungs- und Produktionsdruck des Kriegs nicht nur immer leistungsfähigere Luftschiffe, sondern auch innovative Metallflugzeuge. Die großen Vorteile dieser Technik kamen aber erst unter den politisch und wirtschaftlich völlig veränderten Bedingungen der 1920er Jahre wirklich zum Tragen. Dabei ermöglichte die Hochrüstung während des Kriegs dem Zeppelin-Konzern an den Standorten Friedrichshafen, Staaken bei Berlin und Lindau eine Vielzahl von unterschiedlichen Entwicklungen. Alexander Baumann arbeitete an landgestützten Langstreckenbombern, Claude Dornier an Riesenflugbooten und kleinen Jagd- und Aufklärungsflugzeugen in Metallbauweise und auch Paul Jaray entwickelte einen zweisitzigen Aufklärer. Adolf Rohrbach, der bis 1916 Mitarbeiter von Dornier gewesen war, schuf das erste moderne viermotorige Verkehrsflugzeug.
So war der Zeppelin-Konzern bis 1918 ein Hochtechnologiekonzern der gesamten Luftfahrtbranche geworden, in dem das Ganzmetallflugzeug das Luftschiff an Innovationsdynamik bereits zu überflügeln begann. Anfang der 1920er Jahre nahm der Konzern nicht nur im Luftschiff-, sondern auch im Metallflugzeugbau eine internationale Spitzenposition ein. Dazu kam noch das hohe technische Niveau und die Herstellungskapazitäten der beiden Komponentenhersteller Maybach-Motorenbau GmbH und ZF Friedrichshafen AG.

Automobile, Eisenbahnfahrzeuge und Molkereitechnik

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und den Restriktionen für die Luftfahrt in Deutschland waren es zuerst die Maybach-Motorenbau GmbH und die ZF Friedrichshafen AG, die sich mit technischen Innovationen und unternehmerischen Entscheidungen neue Märkte erschließen konnten. Der ZF gelang es, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, den vielen Automobilherstellern standardisierte Getriebe auf höchstem technischen Niveau anzubieten. Eine wichtige technische Innovation dieser Zeit war das halbautomatische Soden-Getriebe, das für Pkw, Lkw und Eisenbahnfahrzeuge angeboten wurde.
Schon 1918 begann die Maybach-Motorenbau GmbH mit einer Analyse der zukünftigen Chancen schnelllaufender Dieselmotoren im Schienenverkehr. 1932 gelang mit dem legendären Fliegenden Hamburger, der mit zwei Maybach-Motoren ausgerüstet war, der Vorstoß in den schnellen Fernverkehr. Daneben wurden Benzin- und Dieselmotoren für Straßenfahrzeuge, Bootsmotoren, Getriebe sowie die Maybach-Automobile gefertigt. Die wenigen Luftschiffmotoren, die bei Maybach in der Zwischenkriegszeit noch entwickelt und auch exportiert wurden, waren sehr anspruchsvolle und innovative Einzelstücke, aber keine wirtschaftlich tragfähigen Serienprodukte mehr.
Die Luftschiffbau Zeppelin GmbH hatte in der schwierigen Situation nach dem Ersten Weltkrieg zuerst große Probleme, das Kernprodukt Zeppelin-Luftschiff am Leben zu erhalten. Die großen Erfahrungen im Leichtmetallbau eröffneten aber neue Chancen. Aufgenommen wurde die Fertigung von Karosserien für Pkw, Omnibusse und Anhänger aus Aluminium, die sich aber am Markt nicht durchsetzen konnten. Automobilgeschichte schrieb 1925 der SHW-Wagen mit selbstragender Aluminiumkarosserie aus dem Luftschiffbau in Friedrichshafen.
Außerdem wurden in der Abteilung Behälterbau Aluminiumbehälter für Molkereien und andere Anwendungen gebaut und innovative Molkereitechnik entwickelt. Ein weiteres Standbein wurde der Aluminiumguss, zum Beispiel von gewichtsparenden Motorteilen wie Kurbelgehäusen.
Das Zeppelin-Werk Lindau, ab 1922 Dornier-Metallbauten GmbH, war der einzige Flugzeughersteller im Zeppelin-Konzern, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gehalten wurde. Um unter den Bedingungen des Versailler Vertrags weiter Flugzeuge bauen zu können, blieb nur der Schritt ins Ausland. Im italienischen Marina di Pisa entstand 1922 der Dornier Wal, der als Ganzmetallflugboot nicht nur sehr innovativ, sondern für militärische und zivile Nutzungen gleichermaßen geeignet und dadurch in der Zwischenkriegszeit ein international besonders marktfähiges Produkt war.

Aerodynamische Forschung

Ein besonderer Innovationsgeber war die aerodynamische Abteilung der Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Ab 1921 verfügte sie über einen eigenen Windkanal, während der 1920er Jahre die leistungsfähigste Anlage in Deutschland. Auch an dieser Abteilung wird deutlich, wie sehr nach 1918 Innovationen aus der Luftfahrttechnik (Antriebstechnik, Leichtbau und Aerodynamik) die Mobilität auf der Straße und der Schiene veränderten. Paul Jaray, der erste Leiter der aerodynamischen Abteilung, entwickelte Anfang der 1920er Jahre ein ungemein fortschrittliches Stromlinienauto, das den Automobilbau bis in die 1950er Jahre beeinflusste.
Auf Jaray folgte in den 1920er Jahren Max Schirmer, der nicht nur an der Aerodynamik von Luftschiffen, Dornier-Flugzeugen wie der Do 17, Motorrädern, Renn- oder Rekordwagen feilte. Ab Anfang der 1930er Jahre entwickelte er auch die bespielgebenden Formen von Schnelltriebwagen für die Bahnverwaltungen in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Dänemark. Eine Innovation für die gesamte Fahrzeugaerodynamik war, dass Schirmer bei diesen Entwicklungen als erster überhaupt den Wechselwirkungen zwischen Fahrzeugboden und Fahrbahn methodisch auf den Grund ging.

Rüstung und Zweiter Weltkrieg

Ab 1933 wurden im Zeppelin-Konzern zuerst die Maybach-Motorenbau GmbH (Motoren und Getriebe) und dann die ZF Friedrichshafen AG (Getriebe und Lenkungen) und die gerade selbstständig gewordenen Dornier-Metallbauten (Flugzeugbau) mit ihren Innovationen und Produktionskapazitäten zu wichtigen Elementen der massiven Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten und der Rüstungsindustrie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Als letzter Betrieb ging die Luftschiffbau Zeppelin GmbH 1939 in die Rüstung. Hier sind das aufbauend auf den besonderen Erfahrungen im Leichtmetallbau gemeinsam mit Telefunken entwickelte Radarmessgerät Würzburg Riese und die Beteiligung an der Entwicklung und Fertigung der militärischen Fernrakete A 4, besser bekannt unter ihrem Propagandanamen V 2, zu nennen. Ab 1942 gab es in der Luftschiffbau Zeppelin GmbH auch wieder eine eigene Abteilung Flugzeugbau, die vor allem Forschungs- und Entwicklungsarbeit für andere Unternehmen leistete.

Die Zeit nach 1945

Der größte technikgeschichtliche Forschungsbedarf bei der Aufarbeitung der Innovationsgeschichte Friedrichshafens besteht noch für die Zeit nach 1945.
Das Ausstellungsprojekt des Zeppelin Museums wird für diese Jahre zeigen, wie Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Kalter Krieg, die Wende und der Weg in eine globalisierte Industrie und Gesellschaft bis in die Gegenwart ihren Niederschlag gefunden haben. Einige Schlagworte für diese Jahrzehnte sind unter vielen anderen Massenmotorisierung, Fahrzeugaufbauten, Automatgetriebe für Pkw und Lkw, Traktoren, Antennenbau, Wechselaufbauten für Militärfahrzeuge, Baumaschinen, Nierensteinzertrümmerer, Luft- und Raumfahrttechnik, Motoren für Lokomotiven, Schiffe und stationäre Kraftanlagen, Umwelttechnologie, Produktions- und Verfahrenstechnik, autonomes Fahren und Digitalisierung von Produktion und Gesellschaft.